Ein neues Jahr startet und damit auch eine neue Beachvolleyballsaison. Die Turniere werden als Profisportturniere angemeldet und voraussichtlich „normal“ stattfinden. Dadurch lĂ€sst es sich leichter planen fĂŒr die Saison und ich bin wieder im GesprĂ€ch mit Sponsoren. Es geht darum sie zu vertreten ĂŒber die sozialen Netzwerke. Es ist nun mal die modernste und praktischste Plattform, mit der gezielte Werbung geschaltet werden kann. Deswegen fange ich an meinen Beachaccount wieder aus seinem Winterschlaf zu erwecken, damit ich als Leistungssportlerin meinem Wert wieder gerecht werden kann (!).

Ich poste etwas, schalte Instagram aus und öffne es wieder, wenn ich etwas posten möchte. Dabei sehe ich, dass nur 100 Leute den Post zuvor geliked haben, was vor meiner Socialmediapause noch mindestens dreimal mehr Accounts getan hĂ€tten. Außerdem zwei Kommentare – hm, okay. Wenn ich diese nochmal kommentiere, dann sind es schon vier! Ich kommentiere. Sieht besser aus, denke ich. Und der Algorithmus ist gefĂŒttert.

So geht das einige Tage, die Likes steigen. Die Zuschaueranzahl steigt erfolgreich. Dazu kommen plötzlich gratis Gedanken wie:

  • Mein Leben ist weniger interessant als das von anderen (mit besseren Statistiken).
  • Ich muss noch bessere Posts machen – kreativer, schöner und abgefahrener.
  • Mit meinem Video oder Bild muss ich die Aufmerksamkeit innerhalb der ersten drei Sekunden einfangen, sonst guckt sich das keiner bis zum Ende an.
  • Keiner liked ein halbangeschautes Video.
  • Ich zeige mich, genau wie ich bin. Gefalle ich den Leuten nicht?

In mir verstĂ€rkt sich das GefĂŒhl, dass tausende orientierungslose SchwĂ€rme ĂŒber meinen Stoff scrollen und dabei lĂ€ngst in ihrer Sucht gefangen sind. Dieses Bild von kopfgesenkten SĂŒchtigen gruselt mich ganz schön, um ehrlich zu sein.

Mit der BestĂ€tigung, dass mein zweites Video (endlich) ĂŒber 1300 Accounts angeguckt haben, kommt die erwartete Belohnung. Ein Dopaminkick, dass ich doch nicht so wenig drauf habe. Doch mit BestĂ€tigung kommt auch Ablehnung und davon noch viel mehr auf der Suche nach BestĂ€tigung! Es entsteht ganz leicht eine Sucht, die nichts mehr mit freiem Willen zu tun hat. Von der bin ich auch nicht geschĂŒtzt.

Und genau das ist der Grund, warum ich im letzten Essay von mir als Opfer gesprochen habe. Jetzt mĂŒssen sich die Leserinnen* dieses Essays hier keine Sorgen um mich machen, denn ich bin mir bewusst, dass ich etwas ganz Besonderes habe: Vertrauen in mich selbst. Ein unglaublich lebenswertes Leben und sowieso einfach eine geile Zeit mit geilen Leuten!! Vor allem ohne manipulative soziale Netzwerke.

Doch heißt das, dass ich eine der wenigen Sportlerinnen sein werde, die sich die Sponsorensuche selbst erschwert? Die den Sponsoren erklĂ€rt, warum sie mich unterstĂŒtzen sollten, weil ich ihnen doch auf dieser Monopolebene nichts zurĂŒck geben kann, weil ich es nicht will? Ist doch beschissen!

Die Fragen sollten sein: Wer will ĂŒberhaupt Sportlerinnen* unterstĂŒtzen, die sich dieser Frage nicht stellen? Welche Sportlerinnen* möchten ĂŒberhaupt mit Unternehmen zusammenarbeiten, ohne sich ĂŒber dieses Thema bewusst auszutauschen?

Die noch wichtigeren Fragen: Was gibt es fĂŒr konkurrenzfĂ€hige Alternativen? Wie kann eine lukrative Zusammenarbeit aussehen ohne soziale Netzwerke?

Wie kann es sein, dass wir junge Menschen (10 bis 20-JÀhrige) mit sozialen Netzwerken, wie sie heute sind, aufwachsen lassen, wenn dabei Gedanken entstehen, die ihr Selbstwert komplett zerstören? Wieso unternimmt da niemand etwas dagegen? Wieso erkennen nur so weniger diese Gefahr?

Mein Essay soll nicht das Ende einer Diskussion sein, sondern der ANFANG! Mir wĂŒrde das Herz aufgehen, deine Gedanken dazu zu lesen. Es gibt hier diese öffentliche Kommentarfunktion oder wenn’s dir zu sehr den Algorithmus fĂŒttert, dann nutz‘ gerne die extra eingerichtete Funktion unter Your turn. Da geht’s direkt in mein persönliches E-Mail-Postfach. Ich freue mich ĂŒber kritische, ergĂ€nzende oder einfach irgendwelche Gedanken!  

Frohe Festtage 🙂
-H

2 Gedanken zu “W. Geschenk Teil 2 đŸŒ©đŸŒ€

  1. Hallo liebe Hannah,

    erstmal vielen herzlichen Dank fĂŒr deine Gedanken. Ich finde es spannend an deiner Gedankenwelt
    teilhaben zu dĂŒrfen und lese deine Zeilen mit Freude und auch Neugier.

    Hier mein Feedback in der Hoffnung, dass es Dich bereichert oder gar inspiriert.
    (oder es war nur mein Senf, den ich dazugeben wollte 😉 )

    Ich finde es löblich, dass du Dir so viele Gedanken um die Menschen hinter den GerÀten machst, sprich welche Effekte deine Handlungen bei anderen Menschen auslösen. Und gleichzeitig zeigst du auch sehr schön auf, in welchem Zwiespalt du bist und was es auch gedanklich alles mit dir selber macht.

    Und leider….aus meiner Perspektive betrachtet…..
    so funktioniert nun einmal die heutige und sich schnell verÀndernde Marketingwelt,
    insbesondere in der Kategorie „Sportsponsoring“. Man muss hier deutlich trennen zwischen Sachlichkeit und Emotionen. Dass sind alles „nur“ funktionierende marktwirtschaftliche Unternehmen mit einem einzigen Ziel: Profit – und das bitte möglichst Effizient. Marketingausgaben (Sponsoring) sind Kosten,
    einmal mehr ist effizient gefragt – bestmöglicher Effekt. Dazu zĂ€hlt auch der anhaltende Boom im Online-Marketing via Social Networking und Clicks. Und ja du sagst es selber – Zitat:
    „Ist doch beschissen!“ 😉

    Insofern wĂŒrde ich fast sagen: Take it or leave it

    ZITAT:
    Die Fragen sollten sein: Wer will ĂŒberhaupt Sportlerinnen* unterstĂŒtzen, die sich dieser Frage nicht stellen? Welche Sportlerinnen* möchten ĂŒberhaupt mit Unternehmen zusammenarbeiten, ohne sich ĂŒber dieses Thema bewusst auszutauschen?

    Die noch wichtigeren Fragen: Was gibt es fĂŒr konkurrenzfĂ€hige Alternativen? Wie kann eine lukrative Zusammenarbeit aussehen ohne soziale Netzwerke?

    Aber….ich bin (genauso wie du) davon ĂŒberzeugt, dass es auch hier bestimmt alternative Möglichkeiten gibt. Mein romantischer Grundgedanke ist hier das CSR oder auch einfach Nachhaltigkeit genannt.
    Das ist vermutlich eine Art Extrameile die du gehen musst, um Unternehmen zu finden,
    die sich die Nachhaltigkeit ganz groß auf die Fahnen schreiben und die Verantwortung gegenĂŒber der Gesellschaft in der von dir genannten Form ĂŒbernehmen, ohne sich dem Druck der sozialen Netzwerke hinzugeben, nicht genau das „pushen“, was eigentlich alle krank macht.

    Vielleicht gilt es auch hier Pionierarbeit zu leisten, umdenken, Sponsoren zu finden, welche entweder mit sozialen Netzwerken keine BerĂŒhrungen haben(wollen) und ganz klassische Wege gehen. Oder halt Unternehmen zu finden, welche ĂŒber Ihr CSR gezielt ohne Netzwerke arbeiten(wollen).
    Und ja, vielleicht mĂŒssen auch Unternehmen ĂŒberzeugt werden, die moralischen Aspekte
    in Ihr Marketing / Sponsoring einfliessen zu lassen, sich selber neu zu erfinden.

    Vielleicht macht hier auch eine gezielte Beratung in einem spezialisierten CSR-Unternehmen sinn?

    Fakt ist, zu 98% muss man sich die Frage stellen, welchen Mehrwert hat es fĂŒr die Gegenseite
    oder wie entsteht die tatsĂ€chliche WinWin-Situation. (wenn nicht ĂŒber die Clicks).

    ErgĂ€nzend…(restliche 2%)..und manchmal ist es einfach nur ganz banal. Vielleicht ist es auch nur der GeschĂ€ftsfĂŒhrer einer gutlaufenden IT-Bude, der sportbegeistert Beachvolleyball zockt und sich einfach ohne Erwartungen freut, junge Talente unterstĂŒtzen zu können und der natĂŒrlich deine Einstellung teilt. Auch das gibt es!!! (glaube mir 😉 )

    Das zĂ€hlt dann zu persönliches „netzwerken“ – think out of the box !!!

    Ich hoffe ich konnte einen sinnvollen Beitrag leisten und zumindest das Gedankenkarussel vorantreiben.

    Bleibe am „Ball“ und halte uns alle auf dem Laufenden.

    Guten Rutsch ins neue Jahr und bleib gesund.

    Sportliche GrĂŒĂŸe aus Leipzig

    Christian

    GefÀllt mir

    1. Hallo Christian,
      mit dem Trennen zwischen „Sachlichkeit und Emotionen“ (oder auch Marketingtool und Persönlichem) hast du einen sehr wichtigen Punkt angesprochen. Das fĂ€llt mir noch schwer, weil ich mit Instagram aufgewachsen bin und das so gut wie immer mit Freunden, Spaß und privater Vernetzung verbunden habe. Das geht vermutlich sehr vielen Menschen der Generation Z so…

      Die Idee mit der Beratung und den CSR Unternehmen finde ich klasse!! Ich mache mich direkt mal schlau und danke dir fĂŒr diesen super Ansatz :))
      Das persönliche Netzwerken ist auch etwas Vielversprechendes, stimmt.

      Hey, cooler Kommentar, Christian. Gedankenkarussell ist vorangetrieben. Danke dafĂŒr auch!

      Einen guten Rutsch und Gesundheit ja sowieso 😉

      Hannah

      GefÀllt mir

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