Die letzte Nacht mit langen Haaren habe ich nicht allein im Bett verbracht…Trommelwirbel… sondern mit meiner Mutter zusammen. Sie fragte mich, ob sie bei mir schlafen dürfe, um mich nochmal so wie ich jetzt aussehe nahe an ihr zu haben. Da sie das ca. einmal alle 365 Tage fragt, habe ich ihr diese Bitte natürlich nicht ausschlagen können.

Also bin ich aufgewacht morgens, weil mir eine Hand durch meine Haare gestreift ist und mich damit auf die ganzen Knoten darin aufmerksam gemacht hat. Ebenso hat es mich an die ganzen Schmerzen erinnert, die Frauen beim Kämmen der Haare haben oder beim Zopfgummi entfernen oder wenn jemand sich auf die langen Haare setzt, wenn man gerade liegt oder wenn man sie beim Schließen des Reißverschlusses nicht früh genug sortiert oder wenn sie sich beim Sport unglücklich verfangen oder, oder, oder…

Meine Mutter wurde auch nicht müde zu erwähnen, dass ihr der Gedanke an das Abschneiden der Haare außerordentlich weh tut. So verabschiedete sie mich dann am nächsten Morgen und ergänzte noch, dass sie mich wunderschön finde 🙂 Zurück ließ sie mich nun mit meiner Schwester, meinem Vater und Felix, der wie erwartet eine halbe Stunde zu spät kam.

Wir stellten einen Stuhl in die Mitte des großen Wohnzimmers mit offener Küche und auf das Fensterbrett, das sich direkt vor dem Stuhl befand, einen viereckigen Ikea-Spiegel. Ich machte Musik an, natürlich wieder mein Lieblingslied[1] in Dauerschleife, welches mich an meine beste Freundin Juliette erinnert. Dann fing meine Schwester an mir die Haare zu genau sieben dünnen einzelnen Zöpfen zusammenzubinden, damit wir sie dann abschneiden konnten, ohne an Länge zu verlieren, da ich meine Haare spenden wollte.

Das sah schon so lustig aus, dass ich mich kaum auf meinem Stuhl halten konnte und wir vier uns alle schlapp gelacht haben dabei. Felix sagte, ich sehe aus wie eine Figur, die direkt einem der Star Wars Filme entsprungen sei. Ich fühlte mich geboren zwischen diesen drei Menschen und spürte eine angenehme Wärme. Ob es an ihnen lag oder daran, dass ich plötzlich merkte, dass es jetzt kein Zurück mehr gäbe oder daran, dass mir die Sonne direkt auf die Haut schien, konnte ich nicht sagen. Obwohl eigentlich schon, ich war einfach aufgeregt.

Felix schnitt den ersten der sieben Zöpfe, die wir mit Küchengummis befestigt hatten, ab und legte ihn behutsam auf einen kleinen Tisch neben uns. Der Zopf war 42 cm lang, was super war, denn man kann Haare nur spenden, wenn sie zwischen 25 und 30 cm lang sind. Dann war Leo dran, schnitt einen anderen Zopf ab, dann Papa und in der gleichen Reihenfolge wieder von vorne. Während dann der siebte Zopf noch einsam an meinem Kopf hing und sich die anderen drei nun darüber unterhielten, wer es verdient hätte den letzten abzuschneiden, nahm ich mir einfach die Schere und schnitt den letzten selbst ab. Ich sah jetzt aus, als wäre ich verwahrlost im Wald aufgewachsen, aber mein Vater fand es so interessant und ansprechend, dass er meine, ich könne es ja auch einfach so lassen.

Ich brauche glaube ich nicht zu erwähnen, dass das nicht in Frage kam. Also holte Felix seinen Rasierer, den er von seiner Oma geholt hatte und der seinen Großeltern seit 40 Jahren die Kosten für den Friseur des Opas erspart hatte. Wir entschieden uns für die Länge von 2,3 cm und fingen an. Dabei sagte mein Papa zu mir: „Du bisch würkli en muätige Siech“, was so viel heißt wie, dass ich echte eine mutige sei.

Ich würde stark lügen, wenn ich behaupten würde, dass es keine anfänglichen Schwierigkeiten im Friseurteam gab. Felix und mein Papa fachsimpelten wie zwei Profis. Sie fingen am Hinterkopf an, wodurch ich im Spiegel direkt vor mir absolut nichts sehen konnte. Mit meiner Schwester schauten sie alle drei auf meine noch so ungeschickt abstehenden Haare, als würden sie gerade total überfordert als Ersthelferinnen* an einer Unfallstelle ankommen und den Verletzten dabei zusehen, wie sie gerade so vor sich hin krepierten – sehr mitleidig und verzweifelt.

Doch dann legten sie endlich diesen doofen Kamm weg und fingen ohne an. Nach einiger Zeit kratze es überall an meinem Körper vor lauter kleinen und feinen Haaren und Felix freute sich, dass ich das Leid der Männer beim Friseur nun endlich verstehen würde.

Als dann alles stoppelkurz war und ich mir das ganz genau im Spiegel angeguckt hatte, schnitt mein Vater noch die Konturen hinten im Nacken. „Kotletten spitz oder gerade?“, fragte Felix spaßhaft und fügte dem direkt hinzu, dass das sein einziger professioneller Friseurspruch sei. Wollte ich die Haare im Nacken mit einer Ecke oder auf beiden Seiten einfach zwei dezente Schrägen nach innen oder vielleicht doch rund geschnitten haben? Wie machen wir es mit den Haaren über den Ohren? Die waren nämlich mit der Rasierereinstellung von 2,3 cm nicht möglich ordentlich abzuschneiden. Dass man sich über eine solch vermeidlich einfache Kurzhaarfrisur so viele Gedanken machen konnte, war mir gar nicht bewusst…


[1] Vision of Gideon by Sufjan Stevens -> „Call me by your name” ❤

Ein Gedanke zu “Schönheit durch Reduktion – Special Day :)

  1. Hey, da wäre ich sehr gerne auch dabei gewesen 👍. Ich kann mir dich mit langen haaren gar nicht vorstellen, …. viel zu brav 😉.
    Was ist der lieblingssong, der in endlosschleife lief?
    Und danke für den „originalslang“ deines Dad‘s, bei dem ich mich allerdings frage, wieso du selbst keine sprachliche einfärbung hast, bei dem vorbild ?
    Ich tippe auf „alemannischen“ einschlag.
    Lg

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